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20. August 2015

Fragen zum «zweiten Ertrinken» an Dr. Mario Gehri

Ertrinken ist eine der häufigsten unfallbedingten Todesursachen bei Kindern. Unter zweites Ertrinken versteht man das Auftreten von Atemwegs- und Lungenkomplikationen nach dem Ertrinken oder Beinahe-Ertrinken.

Herr Dr. Gehri, wodurch wird das zweite Ertrinken verursacht?
Das zweite Ertrinken wird durch mehrere unterschiedliche Mechanismen verursacht. Wenn sich eine Person unbeabsichtigt mit dem Kopf unter Wasser befindet, beginnt sie ihren Atem anzuhalten (Erwachsene bis zu 60 Sekunden, Kinder 10 –20 Sekunden). Danach atmet sie in 90% der Fälle grössere oder kleinere Mengen Wasser ein (wir sprechen dann vom «wet drowning») und in den anderen 10% der Fälle tritt ein Stimmritzenspasmus ein (wir sprechen vom «dry drowning»), was bedeutet, dass die oberen Atemwege sich reflexartig schliessen und die Person nicht mehr einatmen kann. Bei einem Stimmritzenspasmus unternehmen die Lungen eine Atmungsanstrengung und «ziehen» Körperflüssigkeit in die Lungen, was die Lungen mit Flüssigkeit füllt und das Atmen erschwert, ja sogar unmöglich macht.
Beim Einatmen von Wasser füllen sich die Lungen mit Wasser. Abhängig vom Ort des Ertrinkens (Schwimmbad, See, Badewanne) ist die Flüssigkeit mehr oder weniger schädlich für die Lungen und erzeugt eine chemische Pneumonitis (Irritation der Lungen), die zu einer schweren Atemnot oder einer Lungeninfektion führen kann. Ausserdem übergeben sich die meisten Beinahe-Ertrunkenen, wenn sie aus dem Wasser herauskommen oder während den anschliessenden Hilfemassnahmen, wodurch unter Umständen Magenflüssigkeit (sehr aggressiv für die Lungen) eingeatmet wird.
Diese Lungenkomplikationen können schnell auftreten, aber auch erst Stunden nach dem Ertrinken.

Was sind die Folgen vom zweiten Ertrinken?
Abhängig von dem, was passiert ist, entwickelt die betroffene Person unter Umständen keine Atemprobleme oder aber auch schwere Atemprobleme, die umfangreiche ärztliche Hilfe erforderlich machen.

Wie kann ich das zweite Ertrinken rechtzeitig erkennen?
Eine Person, die eine Lungenbeeinträchtigung hat, wird Probleme beim Atmen haben, die sich immer weiter verschlimmern. Ihre Atmung wird sich beschleunigen und sie wird das Gefühl haben, zu ersticken.
Wenn Jemand anfängt Atmungsprobleme zu entwickeln oder sich nach dem Beinahe-Ertrinken ungewöhnlich verhält, ist eine schnelle ärztliche Konsultation erforderlich.

Was sind die typischen Symptome für ein zweites Ertrinken?
Es gibt keine typischen Symptome, denn abhängig von dem, was passiert ist, können die Symptome sehr unterschiedlich
sein und mehr oder weniger schnell nach dem Beinahe-Ertrinken auftreten. Atemprobleme und ungewöhnliches Verhalten sollten das Umfeld alarmieren.

Was ist eine chemische Infektion der Lungen?
Eine chemische Infektion der Lungen ist die Irritation der Lungen infolge der Exposition gegenüber einer schädlichen oder reizenden Substanz. Diese Substanz kann Magensaft, Sand, Algen oder ein Mittel in einem Schwimmbecken sein. Die schützende Lungenbeschichtung, das Surfactant, wird zuerst zerstört, dann können die Lungen selbst Verletzungen erleiden. Das bewirkt eine Entzündungsreaktion und einen Eintritt von Körperflüssigkeit in die Lungen, wodurch das Atmen erschwert oder sogar unmöglich wird.

Gibt es eine Gruppe, die besonders vom Ertrinken betroffen ist, oder betrifft es alle?
Es gibt generell drei Gruppen von Personen, die vom Ertrinken betroffen sind (unabhängig vom Ausgang):

  • Kleinkinder von 1 bis 3 Jahren: sie können laufen und deshalb, seien es auch nur ein paar Augenblicke, den aufmerksamen Augen ihrer Eltern entkommen, und sie sind zu jung, um sich der vom Wasser ausgehenden Gefahr bewusst zu sein.
  • Heranwachsende von 15 bis 25 Jahren: oft in Verbindung mit dem Konsum von Alkohol und Drogen.
  • Letztendlich gibt es mehr Todesfälle durch Ertrinken bei Menschen zu beklagen, die an Epilepsie oder an Herzkrankheiten leiden.

Was soll man tun, wenn man mit dem Phänomen des zweiten Ertrinkens konfrontiert wird?
Wenn ein Mensch droht zu ertrinken bzw. beinahe ertrunken wäre, müssen Sie grundsätzlich schnell Hilfe herbeirufen. Wenn die Person nur «eine gros se Tasse getrunken hat», muss sie in den ersten 6 –24 Stunden beobachtet werden. Das kann nach einer ärztlichen Konsultation entweder im Krankenhaus oder zu Hause passieren.

Wie oft ist Ihnen dieses Phänomen als Arzt begegnet? Welchen Rat können Sie Eltern geben?
Ertrinken ist eine der häufigsten unfallbedingten Todesursachen bei Kindern. In den Industrieländern ist Ertrinken die zweite Todesursache durch unbeabsichtigte Verletzungen bei Kindern. Wir erleben das vor allem im Sommer, jedoch können sich die Unfälle zu jedem Zeitpunkt des Jahres ereignen. Sie kommen aber häufiger in privaten Schwimmbädern als an öffentlichen Orten vor (in der Schweiz). Einige Präventionstipps, die erwähnt werden sollten:

  • Zäunen Sie das Schwimmbecken sicher ein (> 150 cm) und achten Sie auf eine selbstschliessende und zuschnappende Zugangstüre
  • Gewährleisten Sie die kontinuierliche Aufsicht, vor allem von Kleinkindern, und machen Sie Kinder früh mit den Risiken des Wassers vertraut. Nehmen Sie an Wiederbelebungskursen teil, die von verschiedenen Verbänden angeboten werden
  • Lassen Sie ein Kind unter 4 Jahren niemals allein in der Wanne. Überlassen Sie unter keinen Umständen einem Kind unter 7 Jahren die Aufsicht für Kleinkinder. Lassen Sie ein Kind unter 12 Jahren nie alleine schwimmen. Lassen Sie ein Kind mit Epilepsie, einer Herzerkrankung oder ein behindertes Kind nie allein in einer Wanne. Diese Altersangaben sind nur Richtwerte, der gesunde Menschenverstand geht vor!
  • Betrachten Sie einen Badesitz nicht als Sicherheit.
  • Bringen Sie Ihren Kindern das Schwimmen bei!
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