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14. März 2015
Julia Zurfluh

Jedes Grad zählt

Im SLRG-Modul Hypothermie lernen Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer die Rettung aus eisigen Gewässern und auch ihre eigenen Grenzen kennen. Denn es wird im Kurs nicht nur Theorie vermittelt, sondern auch ein Sprung ins kalte Wasser gewagt. Wie schwimmt es sich in 6 Grad Celsius «warmem» Wasser?

«Solche miserablen Bedingungen wie heute hatten wir noch nie!» Die Teilnehmenden zucken zusammen, als sie diese Aussage von Kursleiter Gérald Quiquerez hören. Auf was haben sie sich nur eingelassen? Gérald beruhigt sie aber umgehend: «Denn die Luft und das Wasser waren bisher bei keiner Kursdurchführung so warm. Die Wassertemperatur beträgt exakt 6,6 Grad Celsius, die Luft 12 Grad. Und ich kann euch garantieren – bei diesen Temperaturen zählt jedes Grad, ihr Glückspilze!» Ziel der Weiterbildung der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG ist es, Erfahrungen im kalten Wasser zu machen. In kaltem Wasser nehmen die Bewegungsfähigkeit und die Körperkraft nämlich rasch ab. Gérald schraubt die Erwartungen hoch: «Heute lernt ihr eure Grenzen kennen. Und ich garantiere euch – eure Grenzen sind schnell da!». Die Teilnehmenden lachen, doch ein mulmiges Gefühl bleibt.

Ab ins kalte Wasser – aber langsam

Nun geht’s vom warmen Theoriesaal in den kalten Zürichsee. Sabrina macht den Auftakt. «Ich schicke immer zuerst die Frauen, dann können die Männer nicht kneifen», erklärt Gérald lachend sein Vorgehen. Sabrina steigt in Jeans und Pullover langsam Tritt für Tritt ins kalte Wasser, verzieht dabei keine Miene. Für Kursleiter Gérald ist es wichtig, dass die Kursbedingungen so weit wie möglich der Wirklichkeit entsprechen. Deswegen tragen die Teilnehmenden auch Alltagskleidung.

Erst als Sabrina zu schwimmen anfängt, sind Anstrengungen bei ihr ersichtlich. Langsam und konstant meistert sie die Schwimmstrecke. Mehrere Helferinnen und Helfer überwachen die Teilnehmenden vom Land und, mit Neoprenanzügen ausgerüstet, vom Wasser aus. Nichts wird dem Zufall überlassen. Endlich angekommen, steigt Sabrina rasch aus dem See, zieht ein Badetuch über und trinkt eine warme Bouillon. «Das waren die längsten 60 Meter meines Lebens! Zum Glück hatten wir Rückenwind», meint sie zitternd.

Tochter gerettet – Kurs entwickelt

Gérald ist in La Brévine, dem «Sibirien der Schweiz» aufgewachsen. Die Weiterbildung hat er auf Grund eines persönlichen Erlebnisses entwickelt. «Ich machte mich gerade für einen Wintertauchgang parat, als meine damals 12-jährige Tochter auf dem Steg ausgerutscht und in den kalten See gefallen ist. Ich konnte sie nur mit Mühe aus dem Wasser ziehen. Da war mir klar: Es braucht eine Weiterbildung für Rettung aus kalten Gewässern.» Gemeinsam mit Severin Dünnbier von der Wasserwacht Bayern und Andi Wechner von der SLRG Sektion Winterthur entwickelte er das Modul Hypothermie. Schon über 500 Personen bildeten sich in diesem europaweit einzigartigen Kurs weiter. Dass die Weiterbildung wichtig ist, beweisen die Zahlen. Die meisten Ertrinkungsunfälle in der Schweiz passieren in Seen und Flüssen bei Wassertemperaturen, die nicht denen eines geheizten Schwimmbades entsprechen. Die Schweizer Gewässer sind durchschnittlich während drei Monaten unter 16 Grad Celsius und während vier Monaten sogar unter 8 Grad Celsius kalt.

Beim zweiten Mal geht’s schon besser

Als nächstes sollen die Teilnehmenden eine Person aus 25 Metern Entfernung holen und an Land bringen. Dieses Mal sind alle Teilnehmenden viel schneller im See. Kein Wunder – die Kleider sind noch nass und sie wissen bereits, was sie erwartet. Die Aufgabe hat es aber in sich. Obwohl sie die Strecke im Schwimmbad ohne Anstrengung meistern, kommen die Teilnehmenden tatsächlich rasch an ihre Grenzen. Noch härter wird es beim Tauchen. Ein Profi-Freitaucher schaffte bei einem Test 21 Meter. «Drei, vier Meter sind aber schon gut», fügt Gérald an. Sabrina taucht über zehn Meter weit. An Land, im Badetuch eingewickelt, gibt sie zu: «Ich war selber überrascht, wie gut es ging.»

Gemäss Gérald soll es ein Suchtpotenzial für diesen Kurs geben. Einige haben ihn dreimal absolviert. Ob Sabrina nächstes Jahr auch wieder dabei ist? Oder ist das Suchtpotenzial da, weil kaltes Wasser angeblich Glückshormone auslöst? Die Stimmung der Teilnehmenden würde diese Annahme bestätigen: Nach dem Sprung in den Zürichsee strahlen und scherzen alle miteinander.

Kaltes Wasser: Gefahr und Chance

Im SLRG-Modul Hypothermie (Hypo = griechisch für unter, Thermie = griechisch für Temperatur) lernen die Rettungsschwimmerinnen und -schwimmer die Wirkung des kalten Wassers auf den menschlichen Körper kennen und erfahren diese selber. Die Kälte bewirkt, dass man schnell an die Leistungsgrenzen kommt. Auch ist die Feinmotorik eingeschränkt und es drohen Unterkühlung und der Kältetod. Kaltes Wasser birgt auch Chancen. So konnte eine unterkühlte, ertrunkene Person nach 45 Minuten erfolgreich und ohne bleibende Schäden wiederbelebt werden.

Quelle:
Ready for Redcross
Das Jugendmagazin des Schweizerischen Roten Kreuzes